Leserbrief: Kritik an Hagelkanonen reißt nicht ab – zu Recht?

Über den Sinn oder Unsinn der Hagelkanonen in Dürrweitzschen streiten sich Gegner und Befürworter dieser Technik schon eine Weile. Die Obstland Dürrweitzschen AG äußerte sich, nach anhaltender Kritik umliegender Anwohner, im August 2018 selbst zu den Thema und verteidigte den Einsatz und die Effektivität.  Fakt ist aber auch, dass es keine Studien gibt, die eine Wirksamkeit belegen. Einem Effekt der in der Theorie zwar denkbar wäre, fehlt bisher der Nachweis. Ob es durch den Einsatz dieser Hagelkanonen schlussendlich hagelt oder nicht scheint also Glückssache zu sein. In Dürrweitzschen schwört man zumindest auf die Effektivität.

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Grafik: Prinzip Hagelschutzkanone - Obstland Dürrweitzschen AG
Grafik: Prinzip Hagelschutzkanone – Obstland Dürrweitzschen AG

Die Wirkungsweise

“Die Hagelschutzkanone unterbricht diesen Kreislauf durch senkrechte Druckwellen im Abstand von 15 Sekunden in den Himmel. Diese Druckwellen werden durch die Explosion eines Acetylen-Sauerstoff-Gemisches erzeugt. Chemische „Wolken-Impfstoffe“ werden bei dieser Methode nicht eingesetzt. In der Folge wird das Anwachsen der Wassertropfen zu Eis- und Hagelkörner verhindert, sodass sie als Regen oder Nassschnee auf die Erde fallen. Damit dieses Prinzip funktioniert, müssen die Hagelschutzkanonen rechtzeitig aktiviert werden. Deshalb werden über einen Wetterdienst die Obstbauern vor nahendem Unwetter gewarnt. Anhand des Radarbildes und durch die langjährige Erfahrung erkennen die Verantwortlichen, ob es sich um eine mit Hagel drohende Gewitterfront oder um eine reine Regenzelle handelt und in welche Richtung die Zellen vermutlich ziehen werden. Nur wenn eine ernsthafte Gefahr für die Früchte an den Bäumen besteht, werden die Hagelschutzkanonen in Betrieb genommen.” so der damalige Wortlaut der Presseinformation.

Frau Mücke, eine Kritikerin dieser Technik wand sich Anfang Juli bereits in einem offenen Brief an die Stadt und damit flammte die Diskussion um ein Neues auf. Am 10. Juli ging ein weiteres Schreiben bei der Stadt Grimma, dem Umweltamt Landkreis Leipzig, sowie der Presse ein, indem sie sich umfassend mit der Recherche befasste und Argumente zusammengetragen hat.

Nochmal zum Thema Hagelkanonen

(Kopie an Stadt Grimma, Umweltamt Landkreis Leipzig, Muldental-TV, Medienportal-Muldental)

Am 04.07.2019 in der LVZ, Regionalseite Muldental, und am 09.07.2019 in der LVZ, Regionalseite Oschatz, haben Sie meinen Brief veröffentlicht. Der dazu abgedruckte redaktionelle Beitrag von Frau Steffi Robak ist jedoch völlig überzogen und realitätsfremd. Das kann ich nicht unkommentiert so hinnehmen. Eine etwas bessere Recherche hätte hier weiß Gott gutgetan und die Polemik wesentlich sachlicher gestaltet. Ich habe das mal für Sie getan und etwas ausführlicher recherchiert und auch Rückfrage bei anerkannten Meteorologen zu diesem Thema gehalten. Folgende interessante Antworten erhielt ich auf direkte Anfrage zu meinen Fragen z.B. von Herrn Jörg Kachelmann zum Thema Hagelkanonen und Hagelflieger am 09.07.2019 per Email:

„… Eine Gewitterwolke ist etwas zu Mächtiges, um deren Dynamik beeinflussen zu können, man kommt ihr weder mit Kanonen bei, noch mit lustigen kleinen Flugzeugen, die eine Gewitterwolke in mehreren Teilen ausspucken würde, kämen die Hagelpiloten auch nur in die Nähe der Wolkenregion, wo es zur Sache geht…

Noch schlimmer: Hagelkanonen

… Es gibt besonders bescheuerte Gegenden, wo Behörden systematische Lärmbelästigung durch Menschen erlauben, die mit Gewitterkanonen ihr scharlataneskes Handwerk ausüben und mit eigenem Wahnsinn andere in den Wahnsinn treiben: Wir stellen uns vor, wie tief beeindruckt Hagelkörner in vier oder fünf Kilometer Höhe im Getöse der Gewitterwolke sein werden durch das kleine entfernte, wohl eher unhörbare “Plop”.

Betrüger, Nepper, Schlepper, Bauernfänger, denen kein Eduard Zimmermann vom ZDF mehr das Handwerk legt. Anything goes. Die Betrüger profitieren davon, dass es an einem bestimmten Ort rund alle 20 bis 30 Jahre Großhagel gibt. Das führt dazu, dass viele Menschen sagen werden, dass es ‚nicht mehr stark gehagelt habe, seit es die Hagelflieger gibt‘. Hagelt es doch mal in großem Ausmaß trotz der Hagelflieger, wie es jedes Jahr irgendwo vorkommt, heißt es dann immer: Ohne Hagelflieger wäre der Hagel doppelt so groß gewesen!

Kommende Woche geht es wieder los mit den Gewittern und sie werden wieder aufsteigen. Hagelflieger haben nichts als Verachtung verdient, weil sie wissen, dass sie nicht in die Nähe der Gewitterwolken kommen – weshalb nie jemand mitfliegen darf bei einem echten Einsatz, aus Versicherungsgründen natürlich – und ihr Tun lustig, aber komplett sinnlos ist.

Wenn Sie was gegen Hagel tun wollen, gehen Sie in die Kirche und zünden Sie eine Kerze an. Von Hagelfliegern wissen wir, dass es nichts bringt. Beim Beten ist noch alles möglich.“

Quelle: https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_84012166/kolumne-hagelflieger-sind-nichts-als-bauernfaenger.html

Im Tagesspiegel (Tagesspiegel Wissen) können Sie folgenden Artikel nachlesen:

„Wer jemals in einen starken Hagelschlag geraten ist, der weiß, wie zerstörerisch die Eisklumpen sein können, die man als Hagelschloßen bezeichnet. Blumen verlieren ihre Blüten, Blätter und Früchte an Bäumen werden zerfetzt. Hagelschloßen so groß wie Grillkohle hauen Autoscheiben und Dachziegel in Stücke. Es wäre schön, ließe sich das Unheil nicht nur vorhersagen, sondern gleich verhindern. Doch bisher sind Versuche, Hagelschlag einzudämmen, Regen zu erzeugen oder Wirbelstürme zu verhindern, von wenig Erfolg gekrönt gewesen.

Dabei ist die Idee der Wettermanipulation kein Quatsch, sondern wissenschaftlich fundiert. Sie setze bei der Physik der Wolken an, sagt Joachim Curtius, Atmosphärenforscher an der Uni Frankfurt am Main. Normalerweise saugen hoch oben in den Wolken winzige Staubpartikel Wasserdampf auf und bilden mikroskopisch kleine Eispartikel. Die fallen hinab, während sie wachsen und schmelzen. Es entstehen Regentropfen. In Gewitterwolken läuft das anders: Darin entwickeln sich Hagelkörner aus den Eispartikeln. Immer wieder werden die Körner durch starke Aufwinde wie in einem Fahrstuhl in die Höhe getragen. Dabei lagert sich Eisschicht um Eisschicht ab. Erst wenn sie zu schwer geworden sind, fallen sie zu Boden.

In diese Wolkenphysik versucht man mit technischen Mitteln einzugreifen. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Europa hunderte Hagelkanonen verkauft, sechs Meter hoch das Stück. „Damit sind damals Rußpartikel in die Wolken geschossen worden“, erzählt Curtius. In den Vierzigerjahren kamen Forscher auf Silberjodid, ein Silbersalz. Auch ein Eiweiß des harmlosen Bakteriums Pseudomonas syringae ist geeignet. Diese Substanzen wirken als Eiskeime. Sprüht man sie mit Flugzeugen in die Wolken, entstehen Eispartikel – und Regentropfen. In Gewitterwolken sollen sich durch die „Impfung“ viele kleine Hagelkörner statt wenige große bilden. Die kleinen machen weniger kaputt, hoffen die Wettermanipulateure.

Doch Erfolge der Wolkenimpfung sind kaum nachzuweisen. Die Ursache liege in der Komplexität der Wolken, sagt der Physiker Curtius. Die Stellen, wo man die Eiskeime am besten hineinsprühen sollte, seien zu schwer zu finden. Auch laufe die Kondensation von Wasserdampf zu Wassertröpfchen und Eiskörnchen sehr rasch ab, die Vorhersage sei schwierig. Das erschwere die Steuerung. So könne es passieren, dass Regenmacher für Regen in Berlin statt in Brandenburg sorgen.

Bis in die 80er Jahre hinein hat es viele Experimente gegeben, vor allem in den USA. Im Projekt „Stormfury“ versuchte man durch Wolkenimpfung Hurrikane abzuschwächen. Die künstliche Kondensation sollte am Rand des Hurrikan-„Auges“ Wärme freisetzen, um den Luftdruckunterschied und den Wind zu verringern. Vergebens. Heute ist China eines der wenigen Länder, wo die Wettermanipulation immer noch intensiv ausprobiert wird. Sven Titz“


Auf der einen Seite fordern alle, die Industrie soll die Umwelt entlasten. Hier ist wohl CO2 das Reizwort. Also zum Wohl der Allgemeinheit. Und bei Hagelkanonen wird genau dieses Argument ins Gegenteil verkehrt. Ultraschallgedonnere zum Wohle der Wirtschaft und nicht zum Wohl der Allgemeinheit. Also zweierlei Maß, so wie es gerade gebraucht wird. Das ruft nicht nur Unverständnis und Verwunderung hervor, sondern trägt wesentlich zum Frust der Anwohner bei. Ich verweise auf die letzten Veröffentlichungen in der LVZ (Grimma und Oschatz). Und, werte Frau Robak, eine Hagelkanone, die Ultraschallwellen mit einer Lautstärke von 130 dB erzeugt mit der Ultraschalluntersuchung bei Schwangeren zu vergleichen ist doch wohl ein Witz. 130 dB entsprechen der Lautstärke eines startenden Düsenjets. Stellen Sie sich mal an die Zufahrtsstraße nach Dürrweitzschen, wenn die Kanonen losdonnern. Selbst Kilometer weiter ist es noch laut und deutlich zu hören. Im 7 Sekundentakt ununterbrochen, zu jeder Tag- und Nachtzeit, aus mehreren Richtungen, sobald eine dunkle Wolke erscheint, bis es dann vielleicht doch hagelt oder was ständig der Fall ist, dass der dringend benötigte Regen in einer anderen Region fällt. Auch das ist eine erwiesene Tatsache (Physiker Curtuis, Uni Frankfurt). Wann hört dieser Unsinn (laut Herrn Kachelmann “Schwachsinn”) endlich auf?

Um nochmal Herrn Kachelmann zu zitieren: eine „Gewitterwolke wäre wahrscheinlich mehr beeindruckt, wenn man das Geld direkt in sie hineinstreuen würde“. Soviel zum Thema Wirtschaftlichkeit.

Freundlichst
Andrea Mücke

Redaktion / Zuschrift von Andrea Mücke

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2 Kommentare

  1. Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.
    (Hermann Hesse)

    Solange auch nur ein Hoffnungsfunke besteht, dass Hagelschutzkanonen (die Betonung liegt übrigens auf SCHUTZ) mit der von ihnen bei der Explosion einer nicht gerade geringen Menge von Knallgas auf bzw. in engstem Raum erzeugten Stoß- bzw. Druckwelle (!) etwas in den oberen Atmosphärenschichten bewirken, was die Hagelkörner nicht so groß wie Hühnereier werden lässt, genau so lange besteht nicht nur die Existenzberechtigung, sondern auch die Nutzungsoption derartiger Schutzvorrichtungen.
    NUR ZUSCHAUEN UND NICHTS TUN ist verantwortungslos gegenüber all jenen, die ihre Arbeit in die Früchte gesteckt haben und von genau dieser Arbeit leben, wohnen, essen und trinken.
    Und dabei steht weniger das Profitdenken des Unternehmens im Vordergrund (mit der Obsterzeugung lässt sich ohnehin nur sehr mühsam Profit generieren), sondern viel mehr die Sorge um die Arbeitsplätze der rund 400 im Sächsischen Obstland tätigen MitarbeiterInnen. Und auch die Sorge um das Gemeinwohl kommt dabei nicht zu kurz: immerhin sind es der hiesigen Landbewohner ihre Gewächshäuser, Terrassen, Wintergärten, Veranden, Dächer aller Art und Coleur sowie zu guter letzt auch des Deutschen liebstes Spielzeug – sein Auto – von dem rund 100 Hektar umfassenden Schutzschirm einer Hagelschutzkanone überspannt – ein positiver Nebeneffekt für alle gewissermaßen.
    Und nun solle doch bitte mal einer der Zweifler und Ablehner den wissenschaftlich gesicherten Gegenbeweis antreten und den Nachweis der Unwirksamkeit besagter Stoßwelle in der Atmosphäre antreten … – bis jetzt herrscht an dieser Stelle absolute Funkstille. Außer Hasstiraden, Gepöbel, unsachlicher Polemik und ungestützter Meinungen ist da nichts Fundiertes zu hören oder zu lesen – ausgenommen natürlich die Recherchen von Frau Mücke aus Böhlen, die belegt, dass man sich dem Thema auch sachlich nähern kann. Die Obstbauern im Sächsischen Obstland stehen auch weiterhin für eine sachliche (!) Diskussion zur Verfügung.
    Und dass man sich im Sächsischen Obstland schon lange nicht mehr allein auf die vom Hersteller versprochene / angepriesene Wirkung der Hagelschutzkanonen verlässt und Alternativen sucht, ist dadurch belegt, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits auf rund 115 Hektar Obstanbaufläche sog. Whilex-Hagelschutznetze zum Einsatz kommen. Diese werden über die einzelnen Baumreihen gezogen – entweder allein von der Wetterseite oder bei besonders hochwertigen Sorten sogar von beiden Seiten (gut zu sehen am Ortseingang Dürrweitzschen an der Zufahrtsstraße von Ragewitz kommend). Aber auch diese Netze sind nicht unumstritten…, in jedem Falle aber sind sie – auf die geschützte Fläche bezogen – weitaus teurer als die umstrittenen Hagelschutzkanonen. Diese wie auch das für ihre Betreibung notwendige Gas kosten übrigens auch Geld, das die Obstbauern erwirtschaften müssen.
    Im Übrigen halten sich die Obstbauern im Sächsischen Obstland beim Einsatz dieser Vorrichtungen zum Schutz vor elementaren Gefahren und Schäden in der Landwirtschaft an die strengen gesetzlichen Vorschriften des Bundesimmissionsschutzgesetzes. Eine vor einigen Jahren vom Umweltamt Mittelsachsen im Beisein des mdr-Fernsehens durchgeführte Schallmessung in einer Leisniger Wohnung in der Meline, die sich nahe einer durch eine HSK geschützten Obstanlage befindet, haben bei geöffnetem Schlafzimmerfenster (!) zum Einen gesetzeskonforme Messwerte erbracht und zum anderen die Verhältnismäßigkeit der angeblichen Lärmbelästigung während eines Gewitters mit Sturmböen, peitschendem Regen, Blitz und Donner auf die Tagesordnung gerufen.
    Und noch etwas: wenn weltweit tausende derartige Hagelschutzvorrichtungen im Einsatz sind – darunter sogar in namhaften Automobilkonzernen zum Schutze ihrer noch nicht ausgelieferten Fahrzeuge auf den mehrere Hektar großen Werkshöfen, dann kann es doch gar nicht so verkehrt sein…
    Und ein Letztes: der Obstbauer wird ganz bestimmt nicht den Ast absägen, auf dem er sitzt – im Sächsischen Obstland stehen mehr als 1,5 Millionen Obstbäume, die ebenso wie alle anderen Pflanzen in der Natur ihr Quantum Wasser brauchen – insofern ist der Vorwurf, die Obstbauern würden mit den Hagelschutzkanonen nun auch noch den Regen “wegschießen” völlig daneben.
    Auf jeden Fall ist es besser, sich zu regen und etwas zu tun, als die Hände in den Schoß zu legen oder zum Gebet zu falten und zuzuschauen. In die Kirche zu gehen, eine Kerze anzubrennen und zu hoffen, dass nichts passiert, ist ohnehin Jedermann freigestellt.

  2. Ich wohne in unmittelbarer Nähe zur Stadt Leisnig. Auch hier kracht es regelmäßig sobald auch nur eine dunkle Wolke gezogen kommt. Bei der diesjährigen Trockenheit wird man das Gefühl nicht los,daß diese Hagelkanonen unerlaubter Weise als Regenmacher genutzt werden. Vielleicht sollten sich verantwortliche Stellen mal ernsthaft darüber Gedanken machen, ob man diesem Schwachsinn ein Ende bereiten könnte.

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