Im Altenhainer Glockenturm herrscht Stille – Muldental TV

Im Altenhainer Glockenturm herrscht Stille

Anfang August ertönten sie noch, die Glocken in der Kirche Altenhain. Jetzt ist es stumm im Glockenturm. Dem wichtigen Bestandteil einer jeden Kirche wurde ein eigener Gottesdienst gewidmet. Ende August wurden die Glocken dann aus dem Turm gehoben.

Astrid Sonntag

 

Mittlerweile wurden die Glocken in Gescher gegossen. Dazu ein Artikel von Volker Killisch:

„Heute muß die Glocke werden.“ das war in Altenhain bekannt und zehn Vertreter Altenhains machten sich am Freitag, dem 11. September 2020, auf, um im über 500 km entfernten Münsterland, in der Glockenstadt Gescher, dem Guß der beiden neuen Glocken für ihre Kirche `St. Johannis` beizuwohnen.

Zu dem Zeitpunkt, als sich die Delegation am Morgen von Altenhain aus auf den Weg machte, wurde im Schmelzofen der Gießerei Petit und Gebr. Edelbrock in Gescher bereits das Feuer entfacht. In ihm erfolgte nun die Zubereitung der `Glockenspeise`, dies ist die Bezeichnung für die Glockenbronze, welche durch ein Gemisch von 78% Kupfer und 22% Zinn hergestellt wird. Für die zu gießenden sieben Glocken an diesem Tag waren etwa 4500 kg Bronze erforderlich.

Jedoch lagen bis zu diesem Zeitpunkt schon Wochen der Vorbereitung, Planung, Berechnung und Modellierung für die zu gießenden Glocken hinter den ca. 24 Mitarbeitern der Firma. Die Gußformen wurden im Lehmformverfahren hergestellt, in der Glockengrube aufgestellt und eingegraben.  Viel Handarbeit und Geschick erfordern diese Tätigkeiten, denen Erfahrungen aus 350jähriger Firmengeschichte zugrunde liegen.

Als das Metall im Schmelzofen die für den Gießvorgang erforderliche Temperatur von ca. 1150 Grad fast erreicht hatte, waren auch unsere Reisenden vor Ort angekommen. Gegen 14:00 Uhr wurden sie von der Chefin der Gießerei, Ellen Hüesker, im Verwaltungsgebäude in Empfang genommen und auf eine unerwartete Zeitreise geführt.

Zunächst erfuhren die interessierten Zuhörer etwas Glockenkunde vom Aufbau und den Klangfarben einer Glocke sowie deren Installation auf einem Glockenstuhl. Und dann ging es in die Werkstätte. Der Eintritt in die Vorhalle war für die erstaunten Besucher wie ein Zeitsprung 150 Jahre zurück. Die Wände, die Fenster sowie die Werkzeuge und Maschinen erzählten die Geschichte der Firma und waren ein deutlicher Hinweis, dass auch die Herstellung der Glocken nach traditionellem Verfahren erfolgte.

Vorbei ging es an der Schreinerei und dann in die Halle mit Glockengrube, über welcher der Schmelzofen thront. Dessen Ofenklappen, je eine vorn und an zwei Seiten, glühten orangerot und Funken sprühten eindrucksvoll hervor. Die Arbeiter trugen Feuerschutzkleidung und gaben die restlichen Zinnbarren in den Ofen. Die vordere Ofenklappe wurde geöffnet, das Brodeln der Gussmasse war zu hören und die Hitze war auch für die im sicheren Abstand stehenden Zuschauer zu spüren. Mit einem feuchten Birkenholzstamm wurde nun die flüssige Bronze durchmischt, danach mit einer Schöpfkelle eine letzte Probe genommen und mit einem Fühler die Temperatur überprüft. Glühende Funken flogen durch die Luft, erkalteten zu Aschestaub und setzten sich auch auf den Zuschauenden ab.

Dann die Entscheidung der Chefin, den mit einem Lehmpfropfen verschlossenen Abfluss des Ofens zu öffnen. Mit Vorschlaghammer und Stoßeisen gelingt das. Nun muss es schnell gehen, denn die heiße Schmelze verlässt glühend und brodelnd den Ofen und ergießt sich in die Zulaufrinnen. Die Glocken wurden nacheinander gegossen, die Zuläufe dafür mit Schiebern abgesperrt. Jeder Arbeiter hat seinen Platz. Auf Geheiß der Chefin: „In Gottes Namen“, wird ein Schieber entfernt, die Bronze läuft in die Gußform und verdrängt dabei die dort befindliche Luft, welche durch die Entlüftungslöcher, zusammen mit anderen Gasen, austritt. So wird nun eine Glocke nach der anderen gegossen und nach einer viertel Stunde ist es geschafft.

Auf der rechten Seite die Altenhainer Delegation an der Glockengrube. Links sieht man, erfolgt gerade der Guss der großen Glocke für Altenhain. Die helle Flamme verbrennt dabei, die über die Entlüftungslöcher austretenden Gase. ©Foto: Volker Killisch

Für alle anwesenden Gemeindemitglieder war dieses einmalige Erlebnis, der Guss der Glocken für den eigenen Ort, eine tiefe, schöne und bleibende Erfahrung. In Zukunft werden diejenigen, sich jedes Mal beim Hören des Klanges dieser Glocken, an diesen Tag erinnern. Noch tief beeindruckt vom gerade Erlebten, hielt die Altenhainer Delegation eine kleine Andacht, gleich neben dem Standort ihrer neuen großen Glocke, an der Glockengrube, ab.

Für eine Mitreisende war dieser Tag `doppelt` besonders. Pfarrerin Birgit Silberbach, welche im vierten Quartal diesen Jahres die seit 2016 vakante Pfarrstelle Trebsen-Neichen / Altenhain / Seelingstädt / Ammelshain übernehmen wird, konnte sich nicht nur über den Guss von Glocken für ihre neuen Wirkungsstätte freuen, sondern auch über den der drei Glocken eines neuen Geläutes für die Baalsdorfer Kirche, ihr bisheriger Tätigkeitsort.

Es dauerte noch eine Weile, bis die Zuschauer die Gießerei verließen. Der Zauber dieses Ortes, das soeben Erlebte, hielt sie noch gefangen und im Gespräch tauschten sie ihre Eindrücke aus.

Es bleibt aber spannend. In den nächsten Tagen wird die Glockengrube geöffnet, die Glocken herausgeholt und gesäubert. Dann gibt es den ersten Klangtest und erst der wird zeigen, ob der Guss gelungen ist.

Unter den Altenhainern besteht die Hoffnung, dass die neuen Glocken zum ersten Advent in diesem Jahr zu hören sind, ganz nach Friedrich Schiller: „Friede sei ihr erst Geläute.“

Hier die Daten zu unseren neuen Glocken für `St. Johannis`:

Die große Glocke ist ca. 375 kg schwer und hat einen Durchmesser von 85 cm.  Diese trägt die Inschrift: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34,15.) Außerdem wird an die Vorgängerinnen 1887, 1924 und 1951 erinnert. Und auf dem oberen Zierreifen stehen die Worte „Erbarmen, Sanftmut, Freundlichkeit, Demut, Geduld“ (aus dem Kolosserbrief Kapitel 3, Vers 12)

Die zweite, die mittlere Glocke, ist 265 kg schwer und hat einen Durchmesser von 76 cm.  Diese erhält auf dem oberen Zierreifen die Worte „Die Liebe höret nimmer auf“ (aus dem 1. Korintherbrief Kapitel 13, Vers 8).

Auch hier wird auf dem Schlagring an die Vorgängerglocken erinnert. Gleich zwei Inschriften sind hier zu lesen. Zum einen der Anfang eines Gesangbuchliedes – „Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand.“ (EG Nr. 533) sowie der neutestamentliche Zuspruch aus dem Markusevangelium Kapitel 5, Vers 36: „Fürchte dich nicht, glaube nur“.

Gruppenbild der Altenhainer Delegation vor dem Verwaltungsgebäude der Gießerei Petit und Gebr. Edelbrock in Gescher. © Foto: Martina Schützenberger

Text: Volker Killisch, im Auftrag der Kirchgemeinde Altenhain, 09/ 2020

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